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Die Perlenschwester - Roman - Die sieben Schwestern 4 -

Die Perlenschwester - Roman - Die sieben Schwestern 4 -

von: Lucinda Riley

Goldmann, 2017

ISBN: 9783641201920 , 608 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Mac OSX,Windows PC für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Gewählte Nutzung: Kauf

Preis: 15,99 EUR

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Die Perlenschwester - Roman - Die sieben Schwestern 4 -


 

I

Nie werde ich vergessen, wo ich war und was ich tat, als ich hörte, dass mein Vater gestorben war, dachte ich, als ich durchs Fenster in die schwarze Nacht hinausschaute. Unter mir sah ich eine kleine Ansammlung funkelnder Lichter, die auf menschliche Behausungen hinwiesen, jede mit einem eigenen Leben, einer eigenen Familie und eigenen Freunden …

Was ich alles nicht mehr zu haben glaubte.

Fast war mir, als würde die Welt auf dem Kopf stehen, denn die Lichter da unten wirkten wie weniger leuchtende Abbilder der Sterne über mir. Einer meiner Lehrer an der Kunstakademie hatte mir einmal erklärt, ich würde malen, als könnte ich nicht sehen, was sich vor meiner Nase befinde. Er hatte recht gehabt. Das konnte ich tatsächlich nicht. Die Bilder waren in meinem Kopf, nicht in der Realität. Und obwohl sie oft nicht die Form von Tieren, Steinen oder Menschen hatten, mussten sie heraus.

Zum Beispiel das Zeug, das ich von Schrottplätzen in ganz London zusammengesammelt hatte und das jetzt in dem Atelier in meiner Wohnung lag. Ich hatte wochenlang überlegt, wie ich die Teile zusammenfügen würde. Das Ganze war wie ein riesiger Rubik’s Cube aus einem stinkenden Ölbehälter, einer alten Guy-Fawkes-Puppe, einem Reifen und einer verrosteten Spitzhacke. Ich hatte die Einzelteile immer wieder neu kombiniert und war mit dem Ergebnis zufrieden gewesen, bis ich das letzte Stück in die Hand nahm. Wenn ich es zu integrieren versuchte, zerstörte es, egal, wo ich es einfügte, jedes Mal das Gesamtbild.

Ich legte die heiße Stirn an die kühle Fensterscheibe des Flugzeugs, die uns Passagiere vor dem sicheren Tod bewahrte.

Unser Leben hängt an einem seidenen Faden

»CeCe«, ermahnte ich mich, als ich spürte, wie Panik in mir aufstieg, »du schaffst das ohne sie.«

Ich zwang mich, wieder an Pa Salt zu denken, denn angesichts meiner tief sitzenden Angst vor dem Fliegen fand ich die Erinnerung daran, wie ich von seinem Tod erfahren hatte, merkwürdig tröstlich. Wenn tatsächlich das Schlimmste passierte, das Flugzeug abstürzte und wir alle umkamen, würde er mich vielleicht auf der anderen Seite erwarten. Er hatte die Reise ins Jenseits ja schon hinter sich und sie allein bewältigt, wie es uns allen bevorstand.

Ich hatte gerade meine Jeans angezogen, als meine jüngere Schwester Tiggy anrief, um mir zu sagen, dass Pa Salt gestorben sei. Damals hatte ich kaum etwas von dem, was sie mir erklärte, wirklich begriffen. Mein einziger Gedanke war gewesen, wie ich es Star beibringen konnte, die unseren Vater vergötterte. Ich wusste, dass sie am Boden zerstört sein würde.

Du hast ihn auch vergöttert, CeCe

Ja, das hatte ich. Da meine Lebensaufgabe darin bestand, meine sensible Schwester zu schützen, die zwar ungefähr drei Monate älter war als ich, für die aber immer ich redete, weil ihr das schwerfiel, hatte ich mein Herz verschlossen, den Reißverschluss der Jeans hochgezogen und war ins Wohnzimmer gegangen, um es ihr zu sagen.

Sie hatte stumm in meinen Armen geweint. Und ich hatte nur mit Mühe selbst die Tränen zurückgehalten. Für sie, für Star. Ich musste stark sein, weil sie mich brauchte …

Damals

»Darf ich Ihnen etwas bringen, Madam?«

Der Duft schweren Parfüms stieg mir in die Nase. Die Flugbegleiterin.

»Nein danke.«

»Sie haben auf den Rufknopf gedrückt«, flüsterte sie mir mit einem Blick auf die anderen Passagiere zu, die tief und fest schliefen. Es war vier Uhr morgens Londoner Zeit.

»’tschuldigung«, flüsterte ich zurück und nahm meinen Ellbogen von dem Knopf. Typisch ich. Sie nickte wie eine frühere Lehrerin, die mich dabei ertappt hatte, wie ich beim Morgengebet eingedöst war. Dann kehrte die Flugbegleiterin in ihren Bereich zurück. Ich schloss die Augen, versuchte, mich bequem hinzusetzen und es den vierhundert anderen Seelen gleichzutun, denen es gelungen war, ihrer Flugangst in Morpheus’ Armen zu entfliehen. Wie üblich fühlte ich mich wie eine Außenseiterin.

Natürlich hätte ich mir einen Platz in der Businessclass leisten können, dazu reichte das, was von meinem Erbe noch übrig war. Aber die paar Zentimeter mehr Platz waren mir das Geld nicht wert gewesen. Das meiste war für den Kauf einer schicken Londoner Wohnung an der Themse für Star und mich draufgegangen. Ich hatte geglaubt, dass sie sich nach einem richtigen Zuhause sehnte, dass sie das glücklich machen würde, doch da hatte ich mich gründlich getäuscht …

Und so saß ich nun hier, kein bisschen weiter als ein Jahr zuvor, als ich neben meiner Schwester in der Economyclass nach Thailand geflogen war. Doch diesmal war Star nicht an meiner Seite, und ich hatte kein Ziel, sondern lief einfach nur weg …

* * *

»Möchten Sie frühstücken, Madam?«

Als ich groggy und desorientiert die Augen aufschlug, stand dieselbe Flugbegleiterin vor mir, die mich mitten in der Nacht auf den Rufknopf aufmerksam gemacht hatte. Nun merkte ich, dass die Lichter in der Kabine an und einige der Blenden an den Fenstern geöffnet waren, hinter denen ich den von der aufgehenden Sonne rosa gefärbten Himmel sah.

»Nein danke, nur Kaffee. Bitte schwarz.«

Sie nickte und entfernte sich. Warum, fragte ich mich, hatte ich ein schlechtes Gewissen, überhaupt um etwas zu bitten? Schließlich hatte ich den Flug bezahlt.

»Wo willst du hin?«

Ich drehte mich meinem Sitznachbarn zu, von dem ich bisher nur das Profil wahrgenommen hatte: eine Nase, einen Mund und eine blonde Locke, die unter seinem schwarzen Kapuzenshirt hervorlugte. Jetzt wandte er sich mir ganz zu. Den Aknenarben an Kinn und Stirn nach zu urteilen war er nicht älter als achtzehn. Neben ihm kam ich mir vor wie eine alte Frau.

»Zuerst nach Bangkok, dann weiter nach Australien.«

»Cool«, lautete sein Kommentar, als er sich über die ungenießbaren Rühreier, den hart gebrutzelten Speck und das lange pinkfarbene Würstchending hermachte – alles auf einem Tablett, das sehr an die Essensausgabe in einem Gefängnis erinnerte. »Da will ich auch irgendwann hin, aber zuerst möcht ich mir Thailand anschauen. Die Full-Moon-Partys da sollen der Wahnsinn sein.«

»Sind sie.«

»Warst du mal auf einer?«

»Ja, auf etlichen.« Seine Frage löste eine ganze Welle von Erinnerungen in mir aus.

»Welche kannst du empfehlen? Die in Ko Pha Ngan soll die beste sein.«

»Ewigkeiten her, dass ich dort gewesen bin. Soweit ich weiß, ist da jetzt ein ziemlicher Rummel – sind immer ein paar Tausend Leute da. Ich bin am liebsten am Railay Beach in Krabi. Da geht’s relaxt zu, aber es kommt natürlich drauf an, was du willst.«

»Von Krabi hab ich schon gehört«, sagte er, Würstchen mampfend. »Ich treff mich in Bangkok mit Freunden. Bis zum Vollmond sind’s eh noch zwei Wochen. Bist du in Australien auch mit Freunden verabredet?«

»Ja«, log ich.

»Machst du Zwischenstation in Bangkok?«

»Nur eine Nacht.«

Ich spürte seine Erregung, als das Flugzeug zum Landeanflug auf den Suvarnabhumi Airport ansetzte und die Flugbegleiter uns Passagieren die üblichen Anweisungen gaben. Eigentlich ist das alles ein Witz, dachte ich, machte die Augen zu und versuchte, meinen rasenden Puls unter Kontrolle zu bekommen. Wenn der Flieger abstürzte, waren wir alle auf der Stelle tot, egal, ob das Tischchen vor mir ordnungsgemäß hochgeklappt war oder nicht. Wahrscheinlich mussten sie ihr Sprüchlein aufsagen, um uns zu beruhigen.

Wenig später setzte das Flugzeug dann so sanft auf, dass ich es kaum merkte. Als die Landung über die Lautsprecheranlage bekannt gegeben wurde, öffnete ich die Augen mit einem Gefühl des Triumphs. Ich hatte tatsächlich einen Langstreckenflug allein geschafft! Star wäre stolz auf mich … vorausgesetzt, das interessierte sie überhaupt noch.

Nach der Passkontrolle holte ich mein Gepäck vom Band und trottete in Richtung Ausgang.

»Viel Spaß in Aussieland«, rief mir mein Sitznachbar zu, der mich gerade einholte. »Mein Kumpel sagt, da gibt’s irre Tiere, tellergroße Spinnen! Mach’s gut!«

Mit einem letzten Winken verschwand er in der Menge. Als ich ins Freie trat, schlug mir wie erwartet feucht-schwüle Luft entgegen. Kurz darauf fuhr ich mit dem Flughafenshuttle zu dem Hotel, in dem ich für eine Nacht ein Zimmer gebucht hatte, checkte ein und stieg in den Aufzug. In meinem sterilen Zimmer ließ ich den Rucksack von meinen Schultern gleiten und setzte mich auf das weiß bezogene Bett. Wenn mir ein Hotel gehörte, dachte ich, würde ich dunkle Laken nehmen, auf denen man die Spuren der früheren Gäste nicht so sähe wie auf den weißen, die immer irgendwie schmuddelig wirkten, egal, wie oft man sie wusch.

Es gab so viele Dinge, die mich verwirrten, Regeln, die irgendjemand irgendwann einmal aufgestellt hatte. Ich zog meine Wanderstiefel aus und legte mich hin. Beim Brummen der Klimaanlage schloss ich die Augen und versuchte zu schlafen, doch mir ging der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass kein Mensch es merken würde, wenn ich das Zeitliche segnete.

Mit einem Mal wurde mir klar, was Einsamkeit war. Sie nagte an mir, mich quälte ein Gefühl innerer Leere. Eigentlich war ich keine Heulsuse, aber nun liefen mir die Tränen nur so übers Gesicht, in mir brachen alle Dämme.

Es macht nichts, wenn du weinst, CeCe

In meinem Kopf hörte ich Mas tröstende Worte, nachdem ich in »Atlantis«...